Interview: Mira und Martin erzählen von der Idee among us zu gründen

Valentin: Ich sitze hier mit Mira und Martin, beides Mitbegründer von „among us“. Ihr beide hattet die Idee, among us zu gründen. Wie seid ihr darauf gekommen?

Martin: Die Idee kam ursprünglich daher, dass meine WG versucht habe, einen Flüchtling aufzunehmen. Und dieser Flüchtling, der dann bei uns eingezogen ist, hatte Mira sozusagen als „Buddy“ über die Plattform...

Mira: ...start with a friend...

Martin: ... kennengelernt. Dadurch habe ich Dane, der dann eine Zeit lang bei uns gewohnt hat, gleichzeitig mit Mira kennengelernt, da sie beide zum Kennenlerngespräch kamen. Mira und ich haben uns dann auch gleich gut verstanden und haben uns extern getroffen. Wir hatten dann gemeinsam die Idee, dass nicht nur dieser eine Fall uns bewegen und mitnehmen soll, sondern, dass wir etwas mehr erreichen wollen.

Mira: Genau, die eigentliche Idee für den Verein „among us“ kam eigentlich daher, dass Dane ja nur drei Monate in Martins WG wohnen konnte, allerdings kostenlos. Aber danach musste Dane wieder ausziehen und stand dann wieder vor der gleichen Situation, dass er kein Zimmer findet, ohne dieses finanzieren zu können und den Flüchtlingsbonus zu haben, ein Zimmer kostenlos zu kriegen. Wir haben uns dann überlegt, wie man es für ihn, aber auch andere, organisieren kann, dass man ihnen eine finanzielle Basis gibt, weiterhin die Möglichkeit zu haben, in einer WG zu wohnen und nicht wieder ins Heim zu müssen.

Valentin: Es gibt ja schon einige Organisationen und öffentliche Stellen die Flüchtlingen helfen. Wozu brauch es einen weiteren Verein?

Mira: Gute Frage, die wir uns zwischendurch auch schon häufiger gefragt haben. Aber erstens glauben wir, dass in der momentan Situation nicht genug geholfen werden kann. Die erste Organisation die ähnlich tätig ist und die einem wohl in den Kopf kommt, ist wohl „Flüchtlinge Willkommen“, mit denen wir auch viel zu tun hatten. Die sind allerdings momentan sehr ausgelastet. Die Menge der Leute die Hilfe braucht, brauchen natürlich auf der anderen Seite wiederum mehr Leute die helfen. Zweitens war unsere Idee, die Hilfe etwas persönlicher zu machen, nicht nur der Vermittlungsknoten zu sein, sondern die Leute die zu uns kommen auch weiterhin persönlich zu begleiten.

Martin: Die Frage, die wir auch von Anfang an an „Flüchtlinge Willkommen“ herangetragen haben, ob wir im Prinzip ein Konkurrenzunternehmen zu ihnen sind, wurde von „Flüchtlinge Willkommen“ verneint. Sie versuchen Wohnungen zu vermitteln und können nicht unbedingt die Finanzierung übernehmen. In diese Lücke wollten wir reinstoßen und haben uns überlegt, wie wir das schaffen können, zumindest für einige Leute eine Finanzierung zu realisieren. Dieser Weg ging nur über die Gründung eines eigenen Vereins, da wir hierdurch Spendenquittungen ausstellen können und somit ein größeres Publikum erreichen.

Valentin: Wem helft ihr eigentlich? Gibt es Kriterien für euch?

Martin: Wir haben schon Kriterien, die wir uns aber von Fall zu Fall selber neu setzen. Für uns ist jeder Mensch förderungswürdig, der im Sinne des Vereins und der Satzung Anspruch hat und die persönliche Not mitbringt. Wir machen keinen Unterschied zwischen den Leuten und den Situationen. Wir würden nicht denken, dass der eine soundso viel Geld gekriegt hat der andere genau den selben Anspruch hat. Vielmehr versuchen wir Einzelfallentscheidungen zu treffen, da wir der Meinung sind, dass wir nicht auf Automaten treffen und selber keine Automaten sind, sondern wir arbeiten mit Menschen zusammen und sind selber Menschen. Wir versuchen auf jedes persönliche Schicksal und die Kosten, die auf jeden der von uns Unterstützten zukommen, bedarfsgerecht zu reagieren. Allerdings gibt es auch Grenzen: niemals würden wir jemanden eine Wohnung finanzieren, die beispielsweise teurer ist als die Wohnungen, die wir privat bewohnen, weil wir das gegenüber den Spendern, aber auch gegenüber uns selbst nicht rechtfertigen könnten.

Mira: Ein Satz der immer schnell aufkam in unseren Diskussion, wenn es darum ging, was es für uns für Kriterien gibt: wir sind nicht das BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge). Wir sind sind nicht diejenige staatliche Stelle, die zwischen Wirtschaftsflüchtlingen oder anerkannten Flüchtlingen differenzieren. Also, wir sagen jetzt nicht: Syrer nehmen wir, weil die brauchen am meisten Hilfe, sondern es ging uns wirklich darum, unabhängig vom Status, unabhängig vom Herkunftsland, unabhängig von der Geschichte denjenigen einfach aufzunehmen, der Hilfe benötigt, im Rahmen unser Kapazitäten.

Valentin: Bei der derzeitigen Zahl von Flüchtlingen die täglich die Grenzen nach Deutschland passieren, welchen Einfluss glaubt ihr wirklich zu haben?

Mira: Ich glaube das ist schwer zu sagen. Für diejenigen, die wir unterstützen, haben wir einen riesen Einfluss, weil wir es ihnen beispielsweise ermöglichen, außerhalb eines überfüllten Flüchtlingsheim zu wohnen. Ich meine, wir kennen alle die Stories über die Flüchtlingsheime und wie es da momentan zugeht. Und für diejenigen haben wir einen riesen Einfluss und ermöglichen denen eine riesen Veränderung. Ob wir jetzt in der großen Zahl gesehen das ganze Flüchtlingsproblem in Deutschland lösen, glaube ich nicht, aber das ist auch nicht unser Ziel. Wir wollen es einigen Leuten ermöglichen, in Deutschland einen besseren Start zu haben – Start im Sinne von Anfang.

Martin: Für mich ist es eine Frage der Großwetterlage der Politik. Die Politik stellt gerade andere Fragen und gibt andere Antworten als wir sie geben wollen. Die Flüchtlingskrise, so wie sie genannt wird, ist momentan eine andere Situation, die wir als Verein natürlich nicht beantworten können, für das uns aber auch das Mandat nicht gegeben ist. Die Politik muss schon die großen Fragen beantworten. Ich persönlich denke selber aber so, dass ich versuche für die Leute die hier ankommen und die mich erreichen, einen Unterschied zu machen und in diesem Sinne haben wir schon einen großen Einfluss. Im Sinne der gesamten Flüchtlingskrise sind wir eventuell nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber dieser Tropfen landet auch irgendwann im Meer. (Martin grinst, Mira lacht).

Valentin: (lacht)... Sehr schön. Ihr kamt ja gerade schon auf die politische Situation zu sprechen. Was würdet ihr euch denn wünschen bei der derzeitigen Lage? Was sollten Politiker und was sollte die Zivilgesellschaft tun?

Martin: Ich finde das momentane Engagement, jedenfalls so wie ich es mitkriege in Berlin, sehr positiv. Viele Leute engagieren sich aktiv in ihrer Freizeit für Flüchtlinge und diese sogenannte Willkommenskultur empfinde ich als sehr positiv. Auch was ich von den Leuten, mit denen wir den Verein gegründet haben mitkriege, denken sie ähnlich über die derzeitige Situation. Insgesamt muss man auch betrachten, dass es gegenläufige Meinungen, insbesondere im Hinblick auf Europa, gibt. Teilweise entsteht eine Kultur die entgegen dieser Willkommenskultur Meinungen und Äußerungen propagiert, die eventuell...

Mira: ... die Stimmung kippen lassen könnte.

Martin: Meine persönliche Meinung ist, dass ich sehr große Angst davor habe, dass diese Stimmung kippt und in Bezug auf Deutschland kann man vielleicht sagen, dass diese Stimmung wieder kippt. Ich versuche mit allen Mitteln die mir zur Verfügung stehen dagegen zu arbeiten, in dem ich meinen Freunden erzähle, wie entspannt das Leben war, einen Flüchtling aufzunehmen und wie angenehm das auch war, mit jemandem zusammen zu wohnen, der einem komplett anderem Kulturkreis entsprungen ist und in einem anderen Land geboren ist. Ich habe nur positive Erfahrungen gemacht, bin daran selber gewachsen und ich habe meinen Horizont erweitert. Ich hoffe, dass andere Leute auch diese Erfahrung machen können und wünsche es vielen Deutschen, dass sie diese Erfahrung machen können.

Mira: Ich würde Martin da total beipflichten. Ich bin selber in meinem Familien- und Bekanntenkreis bisher auf sehr positive Resonanz gestoßen. Es gibt dann auch kritische Meinungen von wegen: „ja es kann ja nicht jeder kommen“ und typische Sätze, die auch immer wieder in den Medien wiedergegeben werden, „Deutschland ist nicht das Sozialamt der Welt“. Das ist aber gerade das Problem. Wenn man sich persönlich mit den Menschen auseinandersetzt, die hierhin kommen, merkt man, dass sie das auch nicht so sehen, das Deutschland das Sozialamt der Welt ist. Sie brauchen einfach Schutz bzw. Hilfe in prekären Lagen. Das würde ich mir von der Politik wünschen, dass das mehr und deutlicher gemacht wird vor der Bevölkerung. Weil das, was die Politik momentan macht, ist, die Ängste zu schüren von Leuten die Angst haben, anstatt den Leuten die Angst zu nehmen, indem man einfach deutlicher macht worum es geht und warum die Menschen kommen.

Martin: Ich persönlich habe auch die Erfahrung gemacht, das Flüchtlinge, die in Deutschland schon etwas Fuß gefasst haben, im Sinne von „sie verstehen die Strukturen und wissen, wie es hier abgeht in Deutschland“, dass gerade diese Leute sich profilieren wollen. Diese Profilierung findet im ökonomischen Sinne statt, will sagen, dass die Leute arbeiten wollen. Sie wollen selber Geld verdienen um sich hier nicht als „Sozialschmarotzer“ durchbeißen zu müssen. Sondern sie versuchen ein Teil der Gesellschaft zu sein, indem sie arbeiten. Sich selber ihr Geld und ihren Unterhalt verdienen. Auch wenn sie eventuell zu bestimmten Sachen andere Meinungen haben. Ökonomisch gesehen wollen sie aber ein Teil Deutschlands werden.

Valentin: Ihr kamt ja gerade schon auf die Frage der Integration oder auf die Frage „Teil der deutschen Gesellschaft werden“ zu sprechen. Der Verein heißt ja among us. Könnt ihr kurz erläutern, was ihr damit genau meint oder bezwecken wolltet?

Mira: Klar, der Name among us – „unter uns“ – ist uns natürlich schon im Hinblick auf die Integration eingefallen, was auch gerade als großes Wort in den Medien steht. Das ist auf jeden Fall eine riesen Herausforderung. Das Problem ist aber, das Wort die ganze Zeit im Raum stehen zu lassen und den Leuten zu sagen: „Ihr müsst euch integrieren!“ und ihnen am besten noch ein Grundgesetz in die Hand zu drücken und zu sagen: „Das sind unsere Werte, hier, jetzt integriert euch mal!“ Die Frage, wie findet Integration statt, fängt für uns direkt an, wenn sie kommen und das kann nicht funktionieren, wenn sie erst einmal in ein Flüchtlingsheim gesteckt werden, wo sie nicht „rauskommen“ und nicht arbeiten dürfen. So kann das nicht stattfinden und vorangehen. Deshalb haben wir uns mit dem Verein und dem Namen gesagt, wir wollen die Leute direkt in WGs vermitteln und einfach die Möglichkeit geben, ein Teil von uns zu sein und „unter uns“ zu wohnen. Dies sollte auf jeden Fall einer der ersten Schritte einer erfolgreichen Integration sein.

Martin: Integration ist ja auch nicht nur eine Bringschuld von den Leuten die nach Deutschland kommen. Integration bedeutet ja auch, dass die Leute, die bereits dort sind, sich darauf einstellen, was die Leute, die kommen, an Kultur mitbringen. Deshalb ist die Idee, nicht nur die Leute, die zu uns nach Deutschland kommen, in soziale Strukturen, die bereits bestehen, zu integrieren, sondern auch die Strukturen die bereits bestehen insoweit zu informieren oder daran anzupassen, mit den Werten und den kulturellen Umständen zurecht zu kommen und diese zu verstehen. Als Beispiel: einer meiner Mitbewohner hat sich immer gefragt, warum Dane ständig mit der Gießkanne durch die Wohnung rennt. Er dachte halt, dass Dane die Blumen gießt und wollte ihn mal fragen, ob er das auch in seinem Zimmer machen könnte, da er es öfter vergisst. Tatsächlich hat Dane sich aber als Muslim immer vor dem Gebet gewaschen (Mira lacht), die Gießkanne benutzte Dane um Wasser zu sparen. Allein dieser kulturelle Austausch hat meinem Mitbewohner viel gebracht, da er jetzt versteht, dass man sich als Muslim vor dem Beten wäscht. Das sind Informationen, die er eventuell vorher nicht hatte oder nicht richtig realisiert hat. Das ist ein gegenseitiges Aufeinanderzukommen. Ein schöner Gedanke und der ist in „among us“ drin. Wir geben jemandem nicht nur die Möglichkeit sich in unsere Gesellschaft zu integrieren, sondern, dass wir uns selber als Gesellschaft auch öffnen können und Sachen verstehen, die in anderen Ländern Gang und Gäbe sind. Vielleicht können wir so auch besser verstehen, wie die Welt funktioniert und sind vielleicht auch etwas offener gegenüber anderen Kulturen, wenn wir uns auch im Privaten dafür öffnen.

Valentin: Vielen Dank euch beiden und weiterhin viel Erfolg!

Die Fragen stellten zwei Mitglieder des Vereins, Stefanie und Valentin. Das Interview wurde aufgenommen und im Nachhinein transkribiert.